DIE WELT vom 14. 10. 2006 Seite B4 Ressort BERUFE Autor Birgitta von Lehn Copyright (c) Axel Springer GmbH Hamburg Auswärts lernen Ob Eltern einen Auslands-Job annehmen, hängt auch vom Schulangebot ab Von Birgitta vom Lehn Für ein paar Jahre ins Ausland gehen - was sich für Singles und kinderlose Paa- re leicht bewerkstelligen lässt und von Firmen zunehmend gewünscht wird, ist für jüngere Familien meist kein Kinder- spiel. Die wichtigste Frage lautet: Wie und wo können die Kinder zur Schule gehen? Werden sie durch den Auslands- aufenthalt den Anschluss im Inland ver- passen oder gar benachteiligt sein nach der Rückkehr? Optimal ist, wenn vor Ort Deutsche oder Internationale Schulen besucht werden können und diese sogar vom Arbeitgeber finanziert werden. Viele Firmen tun das, denn ganz billig sind die auswärtigen Schulen nicht: In Lima etwa kostet der Besuch der Deutschen Schule monatlich 300 Dollar. 117 Deutsche Schulen im Ausland exi- stieren zurzeit. Dort unterrichten 1187 Lehrer über 70 000 Kinder. Die "Zentralstelle für das Auslandsschulwe- sen", angesiedelt beim Kölner Bundes- verwaltungsamt, betreut und unterstützt diese Schulen, zum Beispiel mit speziel- len Fernlehrmaterialien. Wer als deut- scher Lehrer ins Ausland geht, darf das höchstens für sechs Jahre tun. Solange gilt er hierzulande als "beurlaubt". "Ziel ist es, deutsche Kinder im Ausland schulisch zu versorgen", erklärt Presse- sprecherin Jutta Tobinski vom Bundes- verwaltungsamt. Karlheinz Wecht, Vor- sitzender des Verbands Deutscher Leh- rer im Ausland, findet das deutsche En- gagement eher mäßig. "In den letzten Jahren wurde der Schulfonds im Aus- wärtigen Amt kräftig zusammenge- spart." Wecht verweist aufs Nachbar- land: "Frankreich entsendet über 6000 Lehrer an 400 Auslandsschulen. Das ist die nachhaltigste Kulturarbeit, die man sich vorstellen kann. Und ein entschei- dender wirtschaftlicher Aspekt oben- drein, denn die Auslandsschulen sind ja keine Kolonistenschulen mehr, sondern besitzen eine große wirtschaftliche Be- deutung." Tobinski bestätigt: "Die Existenz einer deutschsprachigen Schule ist für Unter- nehmen ein bedeutender Standortfaktor. Die mögliche schulische Versorgung der mitreisenden Kinder stellt ein wich- tiges personalpolitisches Instrument zur Mitarbeiterentsendung deutscher Fir- men dar." Und doch hapert es oft daran. Zum Bei- spiel, wenn die Produktionsstätten, an denen Papa und/oder Mama arbeiten sollen, weit ab vom Schuss liegen und keine deutschsprachige oder Internatio- nale Schule in der Nähe ist. Diese eta- blierten Schulen sind nämlich meist in den Metropolen angesiedelt. Weil aus- ländische Regierungen aber struktur- schwache Regionen fördern wollen, nut- zen die Unternehmen diesen finanziel- len Vorteil und siedeln sich gern in der Provinz an, wo die Produktion dann be- sonders kostengünstig ist. Viele Firmen greifen daher zur Eigeninitiative. Die Daimler Chrysler AG finanziert zum Beispiel im südafrikanischen East London zwei Lehrer, die den Mitarbei- terkindern in Deutsch, Französisch und Latein unter die Arme greifen. Denn die Kinder besuchen in der 500 000-Einwohnerstadt am Indischen Ozean zwar eine gute lokale Schule, die private "Merrifield School", in den be- treffenden Fächern herrscht aber Not- stand. Und weil der Anschluss auch in diesen Fächern bei der Rückkehr nach Deutschland an den Heimatschulen na- türlich möglichst reibungslos verlaufen soll, finanziert Daimler seinen Mitarbei- terkindern den Extra-Unterricht. "Ausland soll ja nicht als Strafe aufge- fasst werden. Die Bedingungen sollen so sein, dass man problemlos wieder zu- rück kann. Die Integration ist uns sehr wichtig", beschreibt Pressesprecherin Marina Raptis die Motivation für das Engagement. Vor einem Dilemma stand die Volkswa- gen AG im chinesischen Changchun vor zehn Jahren. "Anfangs konnten wir nur Singles und junge Paare nach Chang- chun schicken", berichtet Elke Lücke, als Führungskraft bei VW verantwort- lich für Human Resources Region Asien Pazifik. "Doch das höchste Potenzial liegt in der Regel bei jüngeren Familien, und das fehlte uns. Deshalb haben wir das Thema Schule ganz neu gedacht." 1997 gründete VW in Changchun eine kleine Firmenschule auf einem Hotelge- lände. "Wir starteten mit drei Kindern, die aus einer einzigen Familie stamm- ten, und einem Lehrer", erinnert sich Ulrike Brinkmann, die gemeinsam mit ihrem Mann die VW-Schule leitet. In- zwischen ist die Schülerschar auf 26 an- gewachsen. Drei Voll-, zwei Halbzeit- lehrer und eine Honorarkraft sind enga- giert. Die Schulleitung hat soeben beim Bundesverwaltungsamt die Anerken- nung als Deutsche Auslandsschule be- antragt, was ab 25 Schülern möglich ist. "Damit verbunden ist kein Geldsegen, sondern nur kleine Zuschüsse pro Schü- ler. Aber die offizielle Anerkennung ist für die Eltern sehr wichtig", erklärt Brinkmann. Inzwischen lernen nicht nur VW-Mitarbeiterkinder an der Schule, sondern auch Kinder anderer Firmen, etwa der Zuliefererbetriebe. Die Schule ist umgezogen in die Räume einer chi- nesischen Partnerschule. "Wir können hier auch den Chemie-, Biologieraum und die Turnhalle nützen, das ist sehr schön. Und es entstehen ganz nebenbei interkulturelle Kontakte auf dem Schul- hof", begrüßt Brinkmann die Neuerung. Auch wenn die Unterrichtssprache Deutsch sei und Chinesisch nur freiwil- lig angeboten werde, sei das Interesse der meisten Kinder groß, auch die Lan- dessprache zu lernen. "Die Kinder mer- ken schnell, dass es wichtig sein kann, beim Einkaufen Chinesisch zu können." Einen Mangel an Freiwilligen, die für ein paar Jahre in Changchun Dienst tun wollen, gebe es inzwischen nicht mehr, erklärt Lücke. Denn China sei ja "in al- ler Munde" und für viele gelte es daher als "eine große Bereicherung, in einem solch dynamischen Land zu leben und arbeiten". Auch die Lehrkräfte kämen sehr gern, meist als Zwischenstation nach dem Referendariat oder als Partner von VW-Mitarbeitern vor Ort. Die Fluktuation der Schüler ist hoch, für die Lehrkräfte ist es nicht immer ein- fach, mit dem Trennungsschmerz der Kinder umzugehen. Sinn macht der Be- 1 Page 2 such der VW-Schule aber nur, wenn man mindestens zwei Jahre bleibt, rät Brinkmann. "Ansonsten ist der Auf- wand zu groß, das Kind aus dem jewei- ligen Schulsystem wieder herauszurei- ßen." In Changchun werden Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse unter- richtet. Für ältere Schüler, die vor dem Abitur stehen, werden individuelle Lö- sungen gesucht. Die Firma spendiert den Betroffenen dann zum Beispiel auch schon mal einen Internatsaufent- halt. Weitere Informationen www.auslandsschulwesen.de Abbildung: Kinder mit einer Erzieherin des Kindergartens der Deutschen Schule in Abu Dhabi Foto:picture alliance © 2006 PMG Presse-Monitor GmbH
-- DetlevLengsfeld 2006-12-15 16:47:10
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Elke Lücke/Presse (last modified 2008-11-04 07:00:07)