Mobbing – Geißel am Arbeitsplatz
Von Dr. med. Siegmund Kalinski
Homo homini lupus est – der Mensch ist dem anderen ein Wolf, sagten die alten Römer. Im einundzwanzigsten Jahrhundert hat sich da nicht viel geändert. In der Arbeitswelt von heute hat man immer öfter und in immer stärkerem Maß mit einem Symptom zu tun, das zunächst ein Konflikt am Arbeitsplatz ist, aus dem sich dann später schwere psychische und psychosomatische Störungen entwikkeln. Dieses Symptom nennt man „Mobbing“, und der Begriff stammt, wie könnte es anders sein, aus dem Englischen und läßt sich mit „Anpöbeln, Belästigen, Schikanieren“ übersetzen. Als Entdecker dieses Phänomens gilt Professor Dr. Heinz Leymann, ein aus Niedersachsen stammender schwedischer Arbeitspsychologe, der sich seit Anfang der achtziger Jahre mit dem Mobbing am Arbeitsplatz beschäftigt. Mobbing ist weit verbreitet. Bundesweit schätzt man die Zahl der Mobbingopfer auf etwa anderthalb Millionen Beschäftigte, und in Hessen rechnet man mit 80.000 Opfern. Die hessische Ministerin für Soziales und Gesundheit, Frau Marlies Mosiek-Urbahn, hat daher auch die neue virtuelle Beratungsstelle „Mobbing und Burnout“, die Anfang Juli dieses Jahres inFrankfurt eingerichtet wurde, als ein richtungsweisendes Hilfsangebot bezeichnet. „Burnout – die völlige Erschöpfung, das totale Ausgebrannt-Sein - und vor allem Mobbing sind kein Einzelschicksal. Sie haben eine neue, bisher nicht gekannte Dimension erreicht,“ erklärte die Ministerin anläßlich des Startschusses zu diesem Projekt am 3. Juli in Frankfurt. Besonders stark vermehrt hat sich das Mobbing in Krankenhäusern und Kliniken, macht aber auch vor anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens nicht Halt, weder vor der ärztlichen Praxis Mobbing – Geißel am Arbeitsplatz Von Dr. med. Siegmund Kalinski noch vor Standesorganisationen. Selbst manche Mitglieder der Geschäftsausschüsse der KVen beklagen sich über Schikanen, Intrigen und Zermürbungstaktiken, alles Hauptmerkmale des Mobbings. Die Wurzeln dieses Übels sind typisch für die heutige Zeit. Konkurrenzdruck, strenge Hierarchien, befristete Arbeitsverträge, Niederlassungsbeschränkungen und Budgetierungen sowohl in der stationären als auch in der ambulanten Versorgung sind Ursachen und Quellen des sich verbreitenden Mobbings. Ein Mobbingopfer schildert in einem Hilfegesuch an seine Kammer seinen Leidensweg, wobei der Text vom Autor geändert und gekürzt wurde, u.a. aus Datenschutzgründen. ,,Seit über 20 Jahren bin ich leitender Oberarzt in unserer Klinik und habe auch die KV-Ermächtigung für Überweisungen von Kollegen meines Fachs. Vor einigen Jahren kam eine neuer Chefarzt, der einen Kollegen mitbrachte, der sogleich meine Aufgaben übernahm, während ich für Konsiliardienste an unserem Klinikum abgestellt wurde. Dann verlangte der Chef von mir, daß ich ihm die Berichte über meine ambulanten Patienten monatlich vorlege und für die Briefe an die überweisenden Kollegen Schreibpapier mit seinem Briefkopf verwenden sollte. Was ich abgelehnt habe... Daraufhin wurde ich mein Vorzimmer und auch meine Sekretärin los, es wurde veranlaßt, daß ich eine andere Telefonnummer bekam, damit mich Anmeldungen von Überweisungen seitens niedergelassener Kollegen nicht mehr erreichen konnten. Da ich meine Nebentätigkeit ausschließlich nach Dienstschluß ausübe, hat mein Chef verlangt, daß ich damit erst später anfangen solle, da er den Raum selber für Fortbildungen brauche. Dann wurde mir auch die neue Telefonnummer für Außengespräche gekappt, sodaß erneut keine Anmeldungen mehr bei mir eingingen. Daraufhin legte ich mir ein Handy zu, damit ich tagsüber erreichbar bin... Als zwei Jahre später meine Ermächtigung ablief, schrieb der Chef an die KV, daß man meiner Verlängerung nicht stattgeben solle. Allerdings wurde ihm geantwortet, daß ihn derartige Entscheidungen nichts angingen. Woraufhin ich als Krönung des Ganzen vom Ärztlichen Direktor und vom Personalchef aufgefordert wurde, schriftlich von meiner Funktion als leitender Oberarzt zurückzutreten. Das sind nur die wesentlichsten Punkte, die zahlreichen kleineren sind schon nicht mehr von Belang. Jetzt befaßt sich die Rechtsabteilung des Marburger Bundes mit meiner Problematik.“ Dieser Einzelfall wurde hier so ausführlich geschildert, weil er symptomatisch ist und weil in diesem Fall das Mobbingopfer älteren Jahrgangs ist und daher keine Möglichkeit hat, woanders neu anzufangen. Es fehlt jedoch keineswegs an anderen Beispielen: Ein Arzt befördert frisch gewaschene Kittel gleich in den Wäschesack, damit sein Kollege keine saubere Berufskleidung hat und einen unsauberen Eindruck hinterläßt... Eine Kollegin, Angestellte und Mutter, erfährt, daß der Chef in ihrer Umgebung herumfragt, ob sie wegen der Doppelbelastung ihren Aufgaben etwa nicht gewachsen sei... Ein langjähriger Oberarzt einer Uniklinik bekommt von der Personalabteilung ein Standardschreiben, daß sein Vertrag abgelaufen sei, zugleich mit einem Laufzettel über die verwaltungstechnischen Stationen zur Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses. Ein persönliches Gespräch mit der Leitung des Klinikums hatte nicht stattgefunden... Professor Leymann definiert Mobbing wie folgt: „Der Begiff Mobbing beschreibt negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen.“ Man unterscheidet fünf verschiedene Formen des Mobbings: Angriffe auf das soziale Ansehen. Es werden Gerüchte gesät, man wird lächerlich gemacht und durch Beleidigungen und Intrigen desavouiert und diskriminiert. Angriffe auf die sozialen Beziehungen. Der oder die Betroffene wird isoliert und ,,wie Luft“ behandelt. Man beachtet ihn nicht und spricht nicht mehr mit ihm. Angriffe auf die Person. Man kritisiert ständig, die betreffende Person wird nicht zu Wort kommen gelassen, sie wird beim Reden unterbrochen, beschimpft, beleidigt und angeschrieen. Von sachlichen Informationen wird sie abgeschnitten.
Angriffe auf die Berufs- und Lebenssituation. Man bekommt sinnlose oder überfordernde, bzw. degradierende Aufgaben. Man wird links liegengelassen oder völlig kaltgestellt. Angriffe auf die Gesundheit. Sexuelle Belästigung, körperliche Angriffe, Zwang zu gesundheitsschädlichen Arbeiten. Mobbing verläuft in Phasen, wobei der Druck auf das Opfer mit der Zeit immer stärker wird. Die Betroffenen werden krank und ihre Rehabilitation ist nicht einfach. Sie dauert lange und ist teuer. Sie belastet die Solidargemeinschaft mit vielen Tausenden von Mark pro Fall. Die Opfer sollten sich wehren. Dabei stehen ihnen Beratungstelefone, der Marburger Bund sowie die betreffenden Landesärztekammern zur Seite. In Hessen können sich Mobbingopfer an die juristische Abteilung der Landesärztekammer wenden, außerdem an die neu eingerichtete virtuelle Beratungsstelle ,,Mobbing und Burnout“, die unter dem Themenschwerpunkt „Arbeit und Gesundheit“ unter www.sozialnetzhessen. de rund um die Uhr erreichbar ist. Mittwochs von 19 bis 20 Uhr findet einmal wöchentlich eine Online-Sprechstunde statt, darüber hinaus werden Fragen auch per eMail und über das Diskussionsforum beantwortet. Unabhängig davon aber sollten besonders wir, die Ärzte, ein Mobbing am Arbeitsplatz mit aller Kraft bekämpfen. Wir, die ja auch diejenigen sind, die anderen Mobbingopfern helfen sollen, sollten Mobbing in unseren eigenen Reihen nicht dulden. Medice cura te ipsum. Literatur bei der Redaktion
http://www.laekh.de/HessAerzteblatt/2000/09_2000/INHALT_9.PDF Quelle
Mobbing/Beschreibung (last edited 2010-11-17 10:42:03 by DetlevLengsfeld)