Lehrerverantwortung
Lehrer sind nicht nur für die Ausbildung unserer Kinder verantwortlich. Sie tragen auch Erziehungsverantwortung, denn es gibt keinen Unterricht, der nicht zugleich auch erzieht –zum Guten wie auch zum Schlechten. Auch jedes fachliche Lehren und Lernen ist eng mit dem Erziehen verknüpft. Die Erziehungsaufgabe von Lehrern wird in unserer Gesellschaft zunehmend größer, weil immer mehr Eltern Teile ihrer Pflichten an die Lehrerschaft delegieren. Dies mag man bedauern, es ist jedoch die heutige Realität. Lehrer tragen damit eine hohe Mitverantwortung für die Kindeserziehung.
Durch ihren Unterricht und dadurch, wie Lehrer hierbei die Lernbedingungen beeinflussen und sie ihr Eigenbild und ihre Persönlichkeit einbringen, beeinflussen sie maßgeblich die Persönlichkeitsentwickelung und das Selbstbildnis ihrer Schüler. Aufgrund ihrer Vorbildfunktion bestimmen sie mit, ob kindliche Entwickelungsprozesse positiv oder negativ geprägt werden und welche Verhaltensmuster übernommen werden.
Sind Lehrer ihrer Erziehungsverantwortung bewusst, entsprechend sensibilisiert und kennen sie die besonderen Merkmale von Mobbing, werden sie alarmierende Verhaltensweisen in der Schule frühzeitig wahrnehmen, pädagogisch richtig eingreifen und bei Mobbing geeignete Gegenmaßnahmen treffen. Sie werden ihre Einflussmöglichkeiten im Unterricht nutzen, um soziale Ängste abzubauen und ein Klassenklima zu schaffen, in dem Schüler an einem menschlichen Umgang in gegenseitiger Achtung gewöhnt werden. Bei solchen Lehrern werden Mobbingattacken nicht vorkommen bzw. im Keim erstickt werden.
Leider zeigt die Realität an deutschen Schulen ein ganz anderes Bild: Lehrer erkennen Mobbingsignale zumeist nicht oder erst viel zu spät, so dass mindestens ein Viertel aller Kinder mit Mobbing konfrontiert ist. Mobbingprobleme sind von Kindergarten zu Kindergarten und von Schulklasse zu Schulklasse unterschiedlich ausgeprägt und sehr stark von der jeweiligen Gruppen-, Klassen- und Lehrersituation abhängig. OECD- Studien belegen für Deutschland ein bezeichnendes Lehrerverständnis: Hier fühlen sich Schüler von Lehrern so schlecht unterstützt wie in fast keinem anderen Land. Über 60 Prozent der Schüler meinen, dass ihre Lehrer kein Interesse daran zeigen, dass jeder etwas lernt und nur knapp über 30 Prozent meinen, dass ihre Lehrer ihnen beim Lernen helfen würden Diese Studie von 2002 spricht für sich!
Die Verhältnisse, die Mobbing an deutschen Schulen begünstigen und dort ein Mobbingklima zulassen sind vielfältig. Einige dieser Lehrersituationen möchte ich aufzählen: Schlechte Qualität des Unterrichts und mangelhafte Ausstattungen: Eine unverständliche und wenig anschauliche Stoffvermittelung, schlechte unpersönliche Klassenumgebungen oder auch fehlende Möglichkeiten zur Gruppenarbeit sorgen für Ablenkung, Unkonzentriertheit, Langeweile und Unruhe in Klassen. Es entsteht ein Reizklima für Streitereien und Mobbing. Schlechte schulisch Organisation und fehlende Schulkonzepte: Fehlende ganzheitliche Schulstrategien, fehlende systematische Einbeziehung von Eltern und fehlende Ganztagsbetreuungen bewirken, dass Mobbingbekämpfung lediglich zum Kampf einzelner verantwortungsvoller Lehrer wird. Die Erfolgschancen solcher Maßnahmen müssen jedoch zweifelhaft bleiben, solange dies isolierte Einzelmaßnahmen bleiben und keine durchgreifenden und langzeitig wirksamen Erziehungsstrategien bestehen. Hoher Leistungsdruck durch Lehrer: Fehlende Rücksichtsnahme auf Leistungsschwächen oder ständige Überforderung von Schülern begünstigen Konkurrenzkämpfe und Cliquenbildungen. Der Selbstbehauptungskampf wird schnell zum Ausgangspunkt für Mobbing. Schlechtes Klassenklima: Eine schlechte Atmosphäre mit Unruhe und Konfliktpotential in einer Klasse begünstigt die Ausbildung einer Hackordnung mit Sündenböcken und Außenseitern. Fehlendes Lehrerengagement: Maßnahmen zur Verbesserung des Klassenklimas unterbleiben, Außenseiter werden nicht integriert, Gruppenarbeit wird nicht eingesetzt, Klassenregeln für den gegenseitigen Umgang und zur Streitschlichtung werden nicht eingeführt. Mobbingprozesse können ungestört ablaufen und Mobbingtäter bleiben unbehelligt. Mangelnde persönliche Kompetenz von Lehrern: Mobbing fördernde Bedingungen können in der Person eines Lehrers liegen, z.B. in seinem autoritärem Verhalten, seiner Tolerierung von Mobbing, in seiner ungerechtfertigten Behandlung von Schülern ( Lehrermobbing) oder in einem generell schlechten Lehrer-Schüler-Verhältnis. Mangelnde Sozialkompetenz von Lehrern: Können Lehrer mit schwierigen Kindern nicht richtig umgehen oder sind sie durchsetzungsschwach, können sie ein Klassenklima nicht positiv gestalten. Ist der Lehrer selbst gefrustet oder leidet er am Burn-out-Syndrom, so spiegelt sich dies in seinem Verhalten negativ wieder.
Dass in den geschilderten Klassensituationen Mobbing und Gewalt auftreten und viele Schüler für ihren weiteren Lebensweg entsprechend negativ geprägt werden, ist nachvollziehbar. Leider sind solche Situationen keine Einzelfälle, wie die anfangs geschilderte Mobbingrealität belegt. Hier besteht dringend Änderungsbedarf, ansonsten kann unsere Gesellschaft das wichtige Jugendproblem Mobbing nicht lösen.
Mein dringender Appell an Lehrer und Schulträger:
Lehrer müssen -besser als bisher- ihren Erziehungsauftrag annehmen und sich ihrer persönlichen Verantwortung für ihre Schüler stärker bewusst werden. Lehrer müssen für Mobbing stärker sensibilisiert werden. Jeder Lehrer sollte die Warnsignale für Mobbing kennen und er sollte das pädagogische Vermögen und auch die Mittel zur Mobbingbekämpfung besitzen. Angehende Lehrer müssen in ihrer Ausbildung auf die erzieherischen Aufgaben besser vorbereitet werden. Bereits in der Lehrerausbildung müssen entsprechende studienbegleitende Praktika stattfinden. Ausbildungsdefizite bei aktiven Lehrern müssen dringend abgebaut werden. Es muss ein Lehrer-TÜV eingeführt werden. Lehrern, die von sich aus ihrer Verantwortung gerecht werden wollen, müssen ausreichende Möglichkeiten zur Praxisschulung gewährt werden. Lehrer, die die nötigen Persönlichkeitsvoraussetzungen für guten Unterricht nicht besitzen und denen die Sozialkompetenz fehlt, sollten aus dem Schuldienst entfernt werden können. Eltern müssen wirksame Eingriffs- und Beschwerderechte erhalten, damit sie etwas bewirken können, wenn sie erkennen, dass Lehrer persönliches Engagement und Sozialverantwortung für ihre Schüler vermissen lassen und wenn durch Lehrern Mobbing nicht gestoppt wird. Eltern und Lehrer müssen intensiver zusammenwirken, um Mobbingtendenzen an Schulen zu stoppen. In regelmäßigen Gesprächen z.B. an Elternsprechtagen oder durch bessere Zusammenarbeit mit den Elternpflegschaften und mit Elternbeiräten sollten Handlungsstrategien zur Mobbingprävention abgestimmt werden. Schulen müssen Gesamtstrategien zur Vermittelung von sozialer Kompetenz entwickeln und umsetzen. Hier sind Lehrer, Schulleiter und Schulträger gefordert.
Erziehungsverantwortung ist nicht nur ein Thema für Lehrer Sie liegt ganz wesentlich auch in den Händen der Eltern. Mobbing in der Schule lässt sich nur dann wirkungsvoll bekämpfen, wenn Eltern und Lehrer gleichermaßen sensibilisiert sind und alle ihrer Verantwortung gerecht werden. In meinem Buch Hilfe, mein Kind wird gemobbt werden deshalb beide Problemkreise ausführlich behandelt. Näheres zum Buch und zum Thema findet der interessierte Leser auf der Homepage des Autors Michael Merk und auf seiner Homepage www.michaelmerk.de Ich verweise auch auf den Aufsatz zur Eltenverantwortung.
-- DetlevLengsfeld 2008-09-30 16:57:06
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Mobbing/Mobbing in der Schule/Lehrerverantwortung (last modified 2008-11-04 07:00:15)