Mobbing Psychosozialer Stress und Mobbing
Mobbing - die systematischen Feindseligkeiten am Arbeitsplatz sind für die Betroffenen oft ein Alptraum mit schweren Folgen. Die **psychische Treibjagd** in der eigenen Firma ist aber auch für die Wirtschaft als Ganzes ein großes Problem. Man hat geschätzt, dass durch Mobbing in der Schweiz Schäden von vier Milliarden Franken entstehen. Eine Studie in Deutschland besagt, dass etwa zwanzig Prozent der Selbstmorde auf das Konto von Mobbing-Aktivitäten gehen; für Österreich liegen die Schätzungen bei zehn Prozent. Meist wird das unangenehme Thema von oben totgeschwiegen. Langsam aber reift die Erkenntnis, dass dies der falsche Weg ist. Das internationale Arbeitsamt in Genf hat eine Studie veröffentlicht, nach der in der Schweiz 4,3 Prozent der Männer und 1,6 Prozent der Frauen Opfer von Gewalt am Arbeitsplatz sind - wobei die Dunkelziffer weit höher liegen dürfte, da oft aus Scham geschwiegen wird oder aber man sich der Firma gegenüber loyal verhalten möchte.
Mobbing ? teuer und krank machend
TEXT: KLAUS SCHILLER-STUTZ FOTO: ANDI ZAI - Ratgeber ? Für die gesunde Team- und Betriebsentwicklung, Arbeitsplatzsicherheit und Gesundheitsschutz ist die Stress- und Mobbingforschung von grosser Bedeutung.
Psychosozialer Stress und Mobbing hinterlassen in Unternehmen allgemein Spuren wie etwa Verschlechterung des Betriebsklimas, vermehrt Absenzen durch Krankheitstage, innere Kündigung, Nachlassen der Kreativität, der Einsatzbereitschaft und damit Produktivitätsverlust sowie erhöhte Personalfluktuation mit problematischen Kündigungsverläufen. Durch Produktionsrückgänge entstehen für die Unternehmen Wettbewerbsnachteile und Qualitätsminderung. Für die Gesellschaft führen psychosozialer Stress und Mobbing zu erhöhten Ausgaben der Kranken-, Arbeitslosen- und Invalidenversicherung. Allgemein entsteht eine zunehmende Gleichgültigkeit und eine Verrohung im zwischenmenschlichen Umgang. Aufgrund erlebter Ungerechtigkeiten geht das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren. Durch die Schäden in den Betrieben entsteht ein erheblicher volkswirtschaftlicher Verlust.+
Mobbing leitet sich vom englischen Wort «mob» ab, womit der Pöbel, eine aufgebrachte, aufgewiegelte Volksmenge (gemäss Duden) gemeint ist. Nach Leymann (1993, S. 21) beschreibt der Begriff Mobbing «negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen». Entwickelt sich Mobbing hierarchisch betrachtet von oben nach unten, wird von «Bossing» gesprochen, erfolgen die Handlungen von unten nach oben von «Stalking». Unter «Whistleblowing» versteht man, wenn Personen an ihrem Arbeitsplatz illegale Handlungen (etwa Korruption oder Billanzfälschungen) von anderen Personen «verpfeifen» und zum Schutz des Betriebes intern melden oder sich extern fachliche Unterstützung holen. Diese Personen müssen mit Diskriminierung, mit Mobbinghandlungen sowie eventuell mit ungerechtfertigten Entlassungen rechnen.
Mobbing lässt sich auch als «ein Kampf um Positionen und strukturelle Macht mit unfairen Mitteln» bezeichnen. Mobbing kann bewusst und/oder unbewusst ablaufen und wird als extremer sozialer Stressor mit krank machender Wirkung bezeichnet, der über den üblen Scherz mit Kolleginnen und Kollegen eindeutig hinausgeht. Es handelt sich nicht um Mobbing, wenn zwei etwa gleich starke Parteien in Konflikt geraten sowie bei einmaligen Vorfällen (Zapf, 1999).
Der «Bericht über Mobbing am Arbeitsplatz» des Europäischen Parlamentes (Andersson, 2001) beschreibt Mobbing als ein ernst zu nehmendes Problem und weist unter anderem darauf hin, dass infolge Mängel in der Arbeitsorganisation, interner Information und Betriebsführung ungelöste und langfristige organisatorische Probleme zu starker Belastung in Arbeitsgruppen, zu «Sündenbock-Denken» und Mobbing führen können. Mobbing-Anschuldigungen können zu einem äusserst gefährlichen Mobbing-Instrument werden.
Gemäss Schweizer Mobbing-Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft seco aus dem Jahr 2002, leiden je nach Bestimmungskriterium in der Schweiz 4,4% bis 7,6% der Befragten unter Mobbing. Es haben sich weder alters-, geschlechts- noch ausbildungsspezifisch signifikante Unterschiede im Mobbingaufkommen ergeben. Zwischen den Landesteilen zeigt sich ein schwach signifikanter Unterschied (Westschweiz 9,8%, Deutschweiz 7,0% und Tessin 6,3%). Bei den Interviewten sind Personen mit einer ausländischen Nationalität (10,5%) wie auch Doppelbürger (12,1%) deutlich häufiger von Mobbing betroffen als Schweizer Bürger (6,9%) (siehe www.arbeitsbedingungen.ch).
Als mobbende Personen wurden Vorgesetzte wie auch Kolleginnen und Kollegen angegeben. In 51,3% der Fälle wurden die Mobbinghandlungen hauptsächlich von Vorgesezten ausgeführt, 16% von Kollegen und 13% von Untergebenen. Im Gegensatz zu den äusländischen Studien sind gemäss der Schweizer Mobbingstudie die Branchen «Öffentliche Verwaltungen» und «Bildungswesen» nicht überdurchschnittlich stark von Mobbing betroffen. Hinsichtlich der Branchenverteilung weist der Bereich «Gastgewerbe/Tourismus» mit 15,6% den höchsten Anteil auf. In der Branche «Gesundheitsbereich» ist mit 10,4% ein leicht erhöhter Anteil zu finden. Da einzelne Branchen in der Stichprobe durch relativ wenige Personen vertreten sind, bedürfen die Ergebnisse der Betriebsbranchen einer vorsichtigen Interpretation.
Personen, die von Mobbing betroffen sind, leiden gemäss Schweizer Mobbingstudie signifikant häufiger unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen (unter anderem Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Depression, allgemeine Schwäche, Erschöpfung, Kopfschmerzen, innere Unruhe, Ängste, Magenbeschwerden, Schlafprobleme, Rückenschmerzen) als nicht Betroffene. Sie sind mit der Arbeit wesentlich unzufriedener, geben eine signifikant höhere Arbeitsbelastung an, entziehen sich häufig durch Stellenwechsel der Situation, konsultieren häufiger den Arzt, sind fast doppelt so häufig krank und nehmen fast doppelt so häufig Medikamente.
Betriebe, welche intern klar bekannt geben, dass sie Mobbing nicht tolerieren, sollten entsprechende Massnahmen einleiten wie: -Betriebsvereinbarungen für alle Angestellten zum Schutz vor Diskriminierung, sexueller Belästigung und Mobbing -Einrichtung einer betriebsinternen Mobbinganlaufstelle zur Klärung, Schlichtung und Lösung -Sensibilisierungsveranstaltungen über Umgang mit psychosozialem Stress und Mobbing -Durchführung von Mitarbeiterbefragungen sowie Betriebsklimamessungen -Betriebliche Gesundheitsförderung (etwa Gesundheitszirkel mit Verhaltens- und Verhältnisanalyse) -Kommunikationstraining (aktives Zuhören, Nachfragen, Feedback geben) -Einzel- oder Teamcoaching oder systemorientierte Teamsupervision
Bei Verdacht auf Mobbing sollen Führungspersonen und Kolleginnen beziehungsweise Kollegen ihre Wahrnehmungen und Beobachtungen sowie die Berichte von betroffenen Personen ernst nehmen und sorgfältig prüfen. Die Führungspersonen sollen ? wenn sie selber nicht im Prozess involviert sind ? mit der/den betroffenen Person/en die bestehenden Probleme besprechen und nach Entlastungsmöglichkeiten suchen, damit eine Klärung und ein Auftanken möglich ist. Gegebenenfalls soll eine neutrale, allenfalls externe Fachperson zur Gesprächsleitung beigezogen werden. Wichtig ist es, nicht über den Kopf der betroffenen Person hinweg zu handeln, nicht über die Person zu reden, sondern mit der Person. Wenn in einem Betrieb bereits eine konstruktive Konfliktkultur existiert, können so genannte Round-Table-Gespräche mit allen beteiligten Personen sehr hilfreich sein. Strukturelle und organisatorische Veränderungen sollen diskutiert und umgesetzt werden.
Betroffene Personen sollen rasch möglichst bei Kolleginnen und Kollegen, die nicht in den Prozess involviert sind, die Probleme ansprechen. Statt das Erlebte anklagend zu berichten, geht es darum, möglichst vorwurfsfrei das Vorgefallene zu beschreiben und in der Ich-Form die eigene Sichtweise mitzuteilen. In fortgeschrittener Phase ist es empfehlenswert, die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit einzugestehen und ? je nach Problemsituation ? entsprechende (medizinische, psychologische, juristische) Fachpersonen zu konsultieren. Als psychologische Behandlungsmodelle haben sich unter anderem Beratungskonzepte mit systemischem Ansatz (Schiller-Stutz 2003 a) oder psychotherapeutische Behandlung (Schiller-Stutz, 2003 b) bewährt. Nebst Einzelberatungen können auch geleitete Gesprächsgruppen den Betroffenen helfen, die Opferrolle abzulegen. Gemäss den Ausführungen von Rehbinder (1997) stellt Mobbing eine Verletzung der Treuepflicht und Bossing eine Verletzung der Fürsorgepflicht dar. Verhindert eine Führungsperson Mobbing nicht, so verletzt sie gemäss Bundesgerichtsentscheid vom Oktober 1998 ihre Fürsorgepflicht (Art. 328 OR). Eine Kündigung kann dann missbräuchlich sein, wenn sie wegen einer Leistungseinbusse der angestellten Person ausgesprochen wird, die durch Mobbing verursacht worden ist (BGE 125 III 72 E. 2a). Mit rechtlichen Mitteln gegen Mobbing vorzugehen, ist sehr schwierig, da die Beweispflicht bei der betroffenen Person liegt.
Gemäss Wegleitung zum Arbeitsgesetz (ArGV3) werden Arbeitgeber im Rahmen der Fürsorgepflicht darauf hingewiesen, in den Betrieben Massnahmen zu treffen, welche zum Schutz der physischen und psychischen Gesundheit sowie der Persönlichkeit der Arbeitnehmer nötig sind (etwa bezüglich sexueller Belästigung und Mobbing). Ab 1. Januar 2000 müssen alle Unternehmen mit mehr als fünf Mitarbeitenden einen dokumentierten Evaluations- und Massnahmenplan vorlegen können, wie der Sicherheit und Gesundheit im Unternehmen Rechnung getragen werden kann, und diesen in den folgenden Jahren in die Tat umsetzen (EKAS Richtlinien Nr. 6508).
Fazit: Aufgrund der Ergebnisse der Schweizer Mobbing-Studie wird generell empfohlen: psychosoziale Belastungen und Mobbing im Betrieb wahrzunehmen. Ebenso sich vom Streben nach Schuldzuweisungen und damit vom Opfer-Täter-Denken zu lösen, eine ganzheitliche Betrachtung der Arbeitsbedingungen zu pflegen sowie eine einvernehmliche Lösung für alle Beteiligten zu suchen.
Weitere Informationen zum Thema Mobbing mit Links von Anlaufstellen Schweiz, Deutschland, Österreich unter www.3sat.de (Suchbegriff Mobbing)
Quellen aus dem web
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/bstuecke/10827/index.html http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/bstuecke/10830/index.html http://www.hrtoday.ch/Artikel_Detail_de.cfm?MsgID=2113 Mobbing ? teuer und krank machend]
-- DetlevLengsfeld 2007-01-21 15:36:55
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