Kollege Amokläufer
Der Kriminalpsychologe Thomas Müller hat Serientäter und Psychopathen gejagt. Heute analysiert er die moderne Arbeitswelt. Kein Wunder, dass Menschen immer öfter ausrasten, sagt er
Von Torsten Thissen
Am 16. September 2003 betritt der stets tadellos mit Anzug und Krawatte gekleidete stellvertretende Abteilungsleiter der Möbelabteilung die Zentrale seines Arbeitgebers, eines Versandhandels in Pforzheim. Der 24-Jährige trägt an diesem Tag einen weißen Overall und hat ein 80 Zentimeter langes Samuraischwert bei sich. Ohne nach den Pförtnern zu sehen, betritt er den Fahrstuhl und fährt in die Marketingabteilung im sechsten Stock des Gebäudes. Dort spaltet er einer 27-jährigen Frau den Schädel, durchtrennt einer anderen Frau den Oberarm und verletzt drei weitere Frauen schwer. Danach versucht er, sich zu töten, doch die Polizei hält ihn davon ab. In der Gerichtsverhandlung bezeichnet er sich als ein dem Leben gegenüber "realistisch" eingestellter "Menschenfeind". Er wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Richter stellen eine besondere Schwere der Schuld fest. * Mit dem Kriminalpsychologen Thomas Müller durch Wien zu laufen ist kein Spaß. Das liegt nicht an Müller selbst, das liegt ein bisschen am morbiden Charme Wiens, doch vor allen Dingen liegt es an Müllers Themen. Bei Müller geht es um Psychopathen, um Mord und um Totschlag. Der Kriminalpsychologe hat mit Serienkillern in ihren Zellen über ihre Motive gesprochen, Tatorte analysiert, versucht, "in den Fußstapfen der Verbrecher zu wandeln", wie er es nennt. Müller war Profiler beim FBI und Sachverständiger vor Gerichten. Es gibt viele, die ihn für einen der besten Kriminalpsychologen der Welt halten.
Nun beschäftigt er sich mit dem Alltag in Unternehmen. Und wieder geht es um Gewalt, um Psychopathen, um Mord und um Totschlag der "Bestie Mensch", wie Müller es nennt, um "Erfolg, Demütigung und Rache". Letztlich um den ganz normalen Wahnsinn.
"Workplace violence" heißt das Phänomen in den USA, auf Deutsch "Gewalt am Arbeitsplatz". Müller erforscht, warum Angestellte sich in einem Unternehmen, einem Betrieb, einer Behörde nicht wohlfühlen, warum sie depressiv werden. Wie sie im Extremfall zu Psychopathen mutieren und sich das in ihrem Verhalten niederschlägt. Die Bandbreite reicht dabei vom kleinen Angestellten, der seine Firma beklaut, über den Abteilungsleiter, der sensible Daten zerstört, bis zum Manager, der eines Tages zur Arbeit kommt und sich in den Kopf schießt. "Im schlechtesten aller Fälle reißt er noch andere mit in den Tod", sagt Müller.
Der Psychologe begann seine Recherchen in den USA, wo es seit den 80er-Jahren vermehrt zu Fällen von "Workplace violence" kommt und eine Arbeitsgruppe des FBI sich mit den Motiven der Menschen beschäftigt, die teilweise 20, 30, 40 Jahre lang fleißig und ordentlich in einem Unternehmen arbeiteten, eines Tages, wie aus heiterem Himmel, mit einer Waffe im Betrieb auftauchten und Mitarbeiter, Kunden und Vorgesetzte töteten.
Müller sprach auch mit den Tätern, für die der Arbeitsplatz zuerst Erfüllung war, dann zu einem gleichgültigen Ort der Begegnung und schließlich zur Hölle wurde.
Er fand heraus, dass bestimmte Muster immer wieder auftauchten: Stress, Mangel an eigener Identifizierung mit dem Betrieb und eine massive persönliche Belastungssituation.
"Vieles hat auch mit der Unternehmenskommunikation zu tun", sagt er. Wenn Mitarbeiter länger und intensiver ohne Ausgleich arbeiten müssten, dürften sie sich nicht fremdbestimmt fühlen. Sie müssten in Entscheidungen eingebunden werden, ihnen müsse klar werden, dass diese Mehrarbeit nötig ist.
Müller sagt, dass viele Missstände in der Unternehmungsführung selbst liegen, an der Art des Umgangs mit Mitarbeitern. Schon die Körpersprache sei entscheidend. So kommt ihm auf dem Spaziergang durch Wien ein Minister entgegen, eine Schar Leibwächter im Schlepptau, Männer und Frauen schwirren um ihn herum, telefonierend, hektisch. "Alleine der Habitus der Führungskräfte ist für viele Leute eine ständige Provokation, dieses Zurschaustellen von Macht, diese Selbstzufriedenheit." Der Minister geht vorbei. "Ist es nicht grässlich?", fragt Müller.
Der Psychologe definiert "Workplace violence" so: "Es sind alle Handlungen am Arbeitsplatz, die einen Menschen belasten. Wenn zu viele dieser Belastungen auftreten und der Betroffene keinen Ausweg mehr sieht, zudem keine Möglichkeit hat, über seine Situation zu reden, kann es sein, dass er ausrastet." "Workplace violence" werde eines der größten Probleme unserer Zeit werden, meint Müller.
Er begründet seine These damit, dass die Arbeitswelt immer anonymer werde, sich immer weniger Menschen mit ihrer Arbeit identifizierten, sich als Manövriermasse der Beraterunternehmen in Zeiten der Fusionen fühlten, als lästiges Übel. "In der heutigen Zeit, in der aus ökonomischen Gründen umstrukturiert, vereinfacht und zusammengelegt wird, geht häufig die Identifikation mit dem Unternehmen verloren", sagt Müller. Wenn außerdem bei manchen Mitarbeitern wegen schlechter Kommunikation der Eindruck entsteht, dass hinter den ganzen Reformen und Umstrukturierungen kein Konzept stehe, dürfe man sich über anonyme Mails nicht wundern, über Beschimpfungen, Beschuldigungen oder betriebsschädigende Handlungen.
Es gibt eine erste Studie, die sich mit schweren Gewaltdelikten am Arbeitsplatz auseinandersetzt. Die Untersuchung wurde finanziert vom Team Psychologie & Sicherheit, einem Verbund von Kriminal- und ehemaligen Polizeipsychologen, und gemeinsam mit der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie der TU Darmstadt durchgeführt. Der Psychologe Jens Hoffmann ist einer der Autoren. Er beschreibt die verschiedenen Phasen, die ein Täter durchläuft. In der ersten findet meist eine Kränkung des Selbstwertgefühls statt. Das kann die Versetzung in eine andere Abteilung sein oder die Beförderung eines anderen Mitarbeiters. In der zweiten Stufe beschäftigt sich der Täter mit Gewalt als Lösung. "Es sind Sätze wie ,Die werden noch sehen, was sie davon haben', bei denen man nachdenklich werden sollte", sagt Hoffmann. In der dritten Phase plant der Mitarbeiter seine Tat, besorgt sich eine Waffe, denkt über mögliche Opfer nach. In der vierten Phase finden sogenannte "Abschiedshandlungen" statt. Der Täter verschenkt persönliche Gegenstände, ordnet seine Sachen. Schließlich, in der fünften Phase, geschieht die Tat.
Hoffmann, der 20 Fälle untersucht hat und dessen Team Dax-Unternehmen berät, hat festgestellt, dass eine Krisenintervention während der zweiten Phase oft helfen kann. "Wichtig ist, dem auffälligen Mitarbeiter andere Möglichkeiten aufzuzeigen. Der Arbeitgeber darf seinen Mitarbeitern nicht das Gefühl geben, in eine ausweglose Situation geraten zu sein", sagt der Psychologe. Besonders bei Entlassungen würden zudem floskelhafte Formulierungen und Massenbriefe Konflikte schüren. "Oft raten wir Unternehmen, auffällig gewordenen Mitarbeitern nicht gleich zu kündigen. Wenn man sie im Betrieb behält, hat man sie wenigstens noch halbwegs unter Kontrolle."
Vieles käme auf die Sensibilität der Vorgesetzten an. Doch wegen der sich heutzutage immer schneller ändernden Strukturen in Unternehmen befänden sich viele Psycho- und Soziopathen gerade dort: in den Führungsebenen der Unternehmen. "Psychopathen sind Meister der Manipulation", sagt Hoffmann, "sie sind geübt in zielgerichteten Umschmeichelungen und darin, schnell andere Menschen für sich einzunehmen." Ihre Mängel im sozialen Bereich hingegen kommen in Zeiten, in denen Vorgesetzte oft Abteilungen wechseln, nicht zutage. Deshalb klettern sie heutzutage sehr schnell die Karriereleiter nach oben. "Das Problem aber ist: In ihren Firmen hinterlassen sie unglückliche Menschen und gebrochene Herzen."
Thomas Müller betritt eine der vielen Kirchen im Wiener Regierungsviertel. Er sagt, er sei, seitdem er sich mit "Workplace violence" beschäftigt, konservativer geworden. Die Hektik, die Schnelligkeit der Arbeitswelt, die ständigen Reformen nur um der Reformen willen seien ihm inzwischen suspekt. Viele Menschen sitzen auf den Kirchbänken, manche zünden Kerzen an. Es sind keine Touristen. "Sie wollen zur Ruhe kommen", sagt Müller und fügt hinzu: "Ruhe und Überlegtheit sind es, die in vielen Unternehmen heute fehlen." * Es ist kurz nach acht Uhr morgens am Montag, dem 5. Juli 2004, als ein 56 Jahre alter Anlageberater die Filiale der Züricher Kantonalbank im Stadtteil Enge betritt. Er fährt mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage und zieht eine Pistole, sucht die Leiter der Abteilung Finanzplanung auf. Ohne ein Wort schießt er ihnen in den Kopf. Anschließend geht er in sein Büro in den vierten Stock, setzt sich vor den Schreibtisch und tötet sich selbst. Der Mann arbeitete seit drei Jahren bei der Bank. Die Personalabteilung wusste nichts Negatives über ihn zu berichten.
Quelle http://www.morgenpost.de/content/2006/11/26/biz/868057.html
Stimmen aus dem Netz
http://www.detektive-jenuwein.de/9.html
"Workplace Violence" betrifft, rein statistisch gesehen, jeden zweiten Betrieb in Deutschland. "Workplace - Violence", als Form destruktiver Handlungen am Arbeitsplatz, soll Firma und Kollegen in Schwierigkeiten bringen. Der Einfallsreichtum der Täter ist immer wieder erstaunlich. Kontaktieren Sie uns unverbindlich, um Vorgehensweise und zu erwartende Kosten in einem persönlichen Gespräch zu erörtern.
Mobbing/Workplace violence (last edited 2010-10-06 20:00:51 by DetlevLengsfeld)