http://www.abendblatt.de/daten/2006/05/08/560650.html
Monatlich gehen bis zu 60 Hilferufe ein Mobbing: Immer mehr Opfer im Kreis. Selbsthilfegruppe ist seit fünf Jahren Anlaufstelle. DGB-Chef: Das Thema findet immer mehr Beachtung vor Gericht.
Von Manfred Augener
Kreis Pinneberg
Günther Kollenda weiß, wovon er redet. "Mit brutalsten Methoden" sei er vor einigen Jahren von Seiten der Geschäftsleitung schikaniert und mit 58 Jahren in die Berufsunfähigkeit und schließlich Frühverrentung getrieben worden, erzählt der ehemalige Abteilungsleiter eines großen Unternehmens in Tornesch.
Die Wut war letztlich größer als die Verzweiflung, Kollenda gründete mit anderen eine Selbsthilfegruppe, die seit nunmehr fünf Jahren besteht. Dazu gehören Gewerkschaften, die Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, die AOK, sowie der Integrationsfachdienst Kreis Pinneberg.
"Die Zahl der Hilfesuchenden steigt ständig", bilanziert der Tornescher. Bis zu 60 Hilfesuchende meldeten sich pro Monat, um Rat einzuholen oder die Selbsthilfegruppe zu besuchen. Diese sei mit derzeit 46 Mobbing-Opfern bereits "mehr als überfüllt".
Mobbing bedeute, erläutert Kollenda, daß eine Person am Arbeitsplatz von Kollegen, Vorgesetzten oder gar vom Chef wiederholt und systematisch schikaniert, beleidigt, verspottet, ausgegrenzt oder in der Arbeit behindert wird. Ziel sei es, den Betroffenen mit "massiven Quälereien fertig zu machen" und loszuwerden.
Betroffen sei aber nicht nur der Mensch, sagt Kollenda, sondern auch die Solidargemeinschaft der Versicherungsträger, die für hohe Kosten in Kliniken, therapeutische Hilfe, Reha-Maßnahmen und oftmals Frühverrentung aufkommen müßten. Auch für Betriebe entstünden Probleme wegen schlechten Arbeitsklimas, mangelhafter Personalführung und daraus resultierenden Fehlzeiten, Qualitätsproblemen und erhöhten Personalkosten. Er fordert ein "Sanktions-Szenario" gegen Betriebsleitungen, da Mobbing immer nur dann möglich sei, wenn es von der Betriebsleitung selbst betrieben oder geduldet werde.
Da sei die Beweislage allerdings schwierig, gibt Jürgen Schröder, der Leiter AOK in Pinneberg, zu bedenken, zumal Schikane auch auf Kollegen untereinander beschränkt sein könne. "Es ist nicht alles Mobbing, was dafür gehalten wird." In der Regel spreche man davon, wenn die Schikane mindestens einmal pro Woche und dies mindestens ein halbes Jahr lang erfolge. In jedem Falle biete die AOK Hilfe und Beratung über ihren Gesundheitsberater Torsten Schmidt unter 04821/60 83 31 an.
Mittlerweile finde das Thema Mobbing mehr Beachtung bei den Gerichten, so DGB-Vorsitzender Karsten Wessels. Daß leitende Angestellte von Firmen bei Seminaren gezielt geschult werden, das Instrument Mobbing einzusetzen, um beispielsweise schwer kündbares Personal loszuwerden, wisse er von Unternehmensberatern. "Das wird dann aber offiziell geschickter formuliert." Effizienter sei es für die Unternehmen, eine gute Betriebskultur zu entwickeln, empfiehlt Wessels.
Die Mobbing-Selbsthilfegruppe trifft sich jeden ersten und dritten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Elmshorner Flora-Gesundheitszentrum. Ein erster Kontakt ist möglich unter 04122/528 93.
erschienen am 8. Mai 2006
Mobbing/Zahlen/Daten (last edited 2009-02-21 22:27:15 by )