Die Autostadt ist nur ein Beispiel
Natürlich gebe ich Dir Recht, dass es hier nicht primär um VW geht, da die Autostadt ja quasi ein eigenes Unternehmen ist. Es geht auch gar nicht darum, VW in irgendeiner Form angreifen zu wollen. Es geht lediglich darum, eine Öffentlichkeit an jeder möglichen Front zu schaffen für die in der Autostadt herrschenden (und vom „Mutterkonzern“ VW tolerierten) Missstände. Dass diese Missstände HIER aber eben auch nur ein Beispiel für die menschenverachtenden, systemimmanenten Verwertungsmechanismen im Allgemeinen sein können, dürfte ebenso klar sein. Ich für meinen Teil greife somit nicht nur die Autostadt (oder ihre Mama VW) an, sondern das System als solches, welches es Unternehmen nicht nur ERMÖGLICHT, so zu handeln, sondern vor dem Hintergrund der heiligen Kuh der Marktfähigkeit dieses Verhalten sogar forciert.
Menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse wie bei Gate Gourmet, Starbucks, der Autostadt und Millionen anderer Betriebe gehen ALLE an. Und wenn die Onkel-Tom-Mentalität der dort angestellten Menschen so weit geht, sich mit den Repressionen zu arrangieren , weil sie kein anderes Arbeiten kennen gelernt haben und langsam aber sicher in ein physisches und psychisches Siechtum zu verfallen, weil Sie tief in ihrem Inneren sich der Tatsache bewusst sind, ihres letzten Fitzels Menschenwürde beraubt worden zu sein, DANN ist es auch an der Zeit, gerade diesen Menschen zu zeigen, dass es sehr wohl anders geht, wenn man zu dem sehr alten aber immer noch unschlagbar wirksamen Mittel der betriebsübergreifenden Solidarität greift. Und diese Solidarität darf sich eben nicht nur auf DGB-Lippenbekenntnisse und Worthülsen beschränken, da die Vertreter dieser Gewerkschaften häufig genug Nutznießer eben dieser Missstände sind. Heute noch Betriebsratschef, der in der ganzen Belegschaft als Marionette verschrien ist, morgen schon persönlicher Stiefelknecht des „Gegners“ vom Vortag. Hauptsache ich behalte meinen Firmenwagen. Veränderungen wurden uns von unseren Gegnern noch nie geschenkt, sie mussten immer erkämpft werden. Wenn wir uns in den Mitteln des Kampfes aber nur auf die vom Gegner (und seinen gekauften Spießgesellen) abgenickten Mittel beschränken, ist offenkundig, dass dies NIEMALS zu einer Veränderung führen kann. Wir dürfen uns nicht an die gegebenen Spielregeln halten, WIR müssen diese Regeln DEFINIEREN. Und was wäre die Autostadt vor dem Hintergrund eines wilden Streiks, sowohl auf der eigenen Seite, als auch solidarisch werksseitg getragen? In diesem Fall wäre es kaum mehr möglich, den Kunden vorzugaukeln, sie bekämen ihr Auto wegen technischer Probleme nicht ausgeliefert. Die Menschen draußen WÜSSTEN, dass hier etwas im Argen liegt und ihr Geld für den VW hauptsächlich in die Taschen von Menschenschindern fließt und diese Öffentlichkeit würde vielleicht den einen oder anderen Kopf rollen lassen. Tja, warum also nicht? Das Problem ist und bleibt:
DIE ANGST. Ich war lange genug in der Autostadt beschäftigt, um GENUG Stimmen von der Basis zu kennen. Und diese Stimmen stehen in krassem Gegensatz zu den von der GL präsentierten Ergebnissen „anonymisierter Mitarbeiterbefragungen zum Betriebsklima“. Bei der letzten von mir erlebten Befragung mussten sich die Angestellten mit einem personalisierten Passwort online anmelden, um dann an der Befragung teilzunehmen. Und sie mussten dem Unternehmen, welches ihnen tagtäglich Angst macht VETRAUEN, wenn dies ihnen versicherte, dass die Daten zum Einloggen nicht mit dem Fragenbogen in Verbindung gebracht werden. Wenn Du also teilnimmst und nörgelst, was ist wenn Dein Arbeitgeber es mal wieder mit seinem Geschwätz von gestern nicht so genau nimmt? Wenn Du aber nun Dein Passwort NICHT nutzt (was ja technisch auch nachvollzogen werden kann), hält der Chef Dich dann für einen Querulanten, der innerlich schon gekündigt hat? Jeder kleine Angestellte der Autostadt fühlt ständig das Damoklesschwert der Entlassung über seinem Haupt, wenn er nicht ein 150% ein demütig dienendes kleines Rädchen ist. Auch hierzu sei mal wieder ein Zitat von Herrn Hohmann vor meiner damaligen Abteilung genannt, als sich ein paar zaghafte Stimmen erhoben: „Sie müssen lernen, sich in Demut zu üben!“.
Vor dem Hintergrund der hohen Mitarbeiterfluktuation und dem i.d.R. hohen Krankenstand erscheint folgende Anekdote dann schon bitter, denn sie zeigt, wo die Priorität der Autostadt liegt: Da sich einige Bäume in der Autostadt offensichtlich nicht wohl fühlten und dies durch eine aschfahle Farbe äußerten, die man sonst nur als Gesichtsfarbe der Angestellten kennt, wurde eine sogenannte „Baumärztin“ in die Autostadt geholt, die fürstlich im „the Ritz Carlton“-Hotel residierte, sich für diesen Unsinn wahrscheinlich auch ebenso fürstlich entlohnen ließ und „Kristalle“ in die Bäume hängte, die die durch die Autostadt fließende Energie bündeln und so zur Genesung der Bäume beitragen sollten. Klar, dem Baum kann man ja auch nicht befehlen, glücklich auszusehen, da muss man schon zu jedem noch so esoterischen Mittel greifen. Bäumen kann man auch keine Angst machen. Mitarbeitern schon. Und solange dies funktioniert, werden auch die an zentralen Managementpunkten besetzten Menschenschinder keinen Grund sehen, ihren Hut zu nehmen.
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-- DetlevLengsfeld 2007-03-11 10:53:55
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