http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/18.11.2005/2182084.asp
Sie ist die Einzige, die spricht. Die Frauen der anderen Lustreisenden schweigen. Ob sie es aus Scham, Angst oder Hilflosigkeit tun, weiß man nicht. Ilona-Luise Reutter hat ihren Weg gewählt, den Gang nach draußen, der sie befreien soll von einer drückenden Last, die sie als das „System VW“ beschreibt. Ihr Mann Helmuth Schuster war ein Teil davon. Als Personalvorstand von Skoda sogar ein wichtiger. Der 51-Jährige war ein enger Vertrauter des Arbeitsdirektors Peter Hartz, sein Gehirn, wie Kenner meinen. Er hat ihm seine Bücher geschrieben und ihn, wie seine Frau bestätigt, auf jenen Reisen begleitet, die ihren Höhepunkt in irgendwelchen Bordellen dieser Welt fanden.
Ilona-Luise Reutter ist 38 Jahre alt, attraktiv, roter Lippenstift, roter Nagellack, modebewusst. Als Besitzerin einer Boutique gehört das dazu. Wenn sie von ihrem Balkon herunterschaut, sieht sie die elterliche Süßwarenfirma, die 80 Mitarbeiter hat und unter anderem Lutscher herstellt. „Wenn ich denen erzähle, dass sie bei VW mehr für Nutten ausgegeben haben, als sie Umsatz im Jahr machen, verstehen die die Welt nicht mehr“, sagt die Unternehmertochter. In ihrem Dorf, das Rosengarten heißt, 2500 Einwohner hat und bei Schwäbisch Hall liegt, sowieso nicht. Seitdem der Skandal öffentlich ist, bleiben die Kundinnen der Boutique aus.
Das Kind vom Land ist Kauffrau. Sie hat dort gelernt, wo viele lernen, bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Danach ist sie zu einer Unternehmensberatung nach Frankfurt gewechselt, die eine auserlesene Klientel betreute, darunter auch die Firma Hoechst, zu deren Management Dr. Helmuth Schuster gehörte. Ihn hat sie 1995 geheiratet, wie sie ihrem Ring entnimmt, den sie zur Prüfung des Datums vom Finger zieht. Der Ehe entstammen zwei Söhne, neun und sechs Jahre alt.
1996 begannen die Bordellbesuche auf Firmenkosten in großem Stil. Mit dabei Peter Hartz, der Kontaktmann zwischen Konzernleitung und Betriebsrat, der Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, der gestern in Braunschweig vor dem Arbeitsgericht gegen VW klagte (und verlor), weil man ihn im Juni fristlos entlassen hatte, sowie der Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert. Und eben der Ehemann, der inzwischen in Wolfsburg angeheuert hatte, und im Gegensatz zu den anderen Männern zu Hause von seinen Erlebnissen berichtete. Man führte eine moderne Ehe.
Damals habe sie noch geglaubt, diese Sextrips seien Ausnahmen, sagt Frau Reutter, weil es doch auch so unglaublich klang. Edelprostituierte, die man sich hielt, alleine oder zu mehreren. Grölende Männer, die sich wie eine Herde röhrender Hirsche aufführten, und „wo sind die Weiber?“ brüllten, wenn die nicht schnell genug da waren. Doch es wurden immer mehr Reisen. Sie wusste genau, wann wieder eine anstand. Das war dann, wenn ihr Mann erzählte, dass die Herrschaften mal wieder beim leitenden Werksarzt waren. In seinen Schubladen hätten die Viagra-Packungen gelagert, ohne die sie sich nicht im Stande fühlten loszufahren.
In dieser Zeit, erinnert sie sich, sei sie „durch die Hölle gegangen“. Zunächst hat sie die Fehler bei sich gesucht. War sie nicht gut genug an der Seite des erfolgreichen Managers? War es ein Affront, sich schon früh aus den Damenprogrammen auszuklinken, bei denen es immer ein hübsches Service von Villeroy & Boch gab? War es falsch, sich nicht in der VW-Lounge beim VfL Wolfsburg, auf dem Golfplatz oder im Rotaryclub zu zeigen? War es ein Frevel, öffentlich bei einer Präsentation zu sagen, der Audi 2 sei „total missglückt“? Für VW schon. Danach wurde sie sofort nach Wolfsburg zitiert. Und dann noch der Name. Warum nicht Schuster, sondern Reutter? Das fehlende Wohlverhalten, das Sich- nicht-einfügen-Wollen, die Ablehnung der Riten der Wolfsburger Mackerwelt – das könne noch sein Karriereknick sein, haben sie Schuster bedeutet. Und sie hat gekontert, als „Staffage für VW“ sei sie sich zu schade. Da seien ihr die Kinder wichtiger.
Der Streit eskalierte. Die Sexreisen, zwei aufeinander prallende Welten, dazu noch eine Freundin in Wolfsburg und eine in Prag, wohin Schuster als Personalvorstand von Skoda wechselte, machten aus dem schmucken Eigenheim in Rosengarten ein Tollhaus. Der Kampf tobte um die Kinder, das gemeinsame Sorgerecht, um den Unterhalt, um Schlösser, die sie auswechseln will, um die Scheidung. Danach stieg der Gatte in seinen Lamborghini und fuhr weg. Und sie begab sich zur Therapie nach Stuttgart. „Das Übliche eben“, sagt sie mit einer Abgeklärtheit, als handele es sich um einen Film mit Liz Taylor und Richard Burton. Vor zwei Jahren hat sie die Scheidung eingereicht. „Allein erziehende Mutter“, bilanziert sie, „war ich schon immer.“
Heute versucht sie, ihren Mann zu verstehen, ihren Frieden mit ihm zu machen. Sie hat nachgedacht über diese Manager, die auf der Suche nach dem „Kick“ sind, denen Macht und Geld nicht genügen, enge zwischenmenschliche Beziehungen unheimlich sind. Ihr Helmuth musste schon nach drei Tagen Familienurlaub auf Mallorca den Werksflieger ordern, um wieder wegzukommen. Getriebene in der emotionalen Leere. „Eigentlich müsste man mit Figuren wie Hartz Mitleid haben.“ Wenn sie Job und Statussymbole nicht mehr hätten, würden sie wie „leere Hüllen“ in sich zusammenfallen. Moralisch urteilen will sie nicht.
Helmuth Schuster kommt inzwischen regelmäßig zu Besuch – in ihrem Auto, das sie ihm geliehen hat. Er ist kein glanzvoller Manager mehr. Er ist am Boden. Rausgeschmissen von Volkswagen im Juni dieses Jahres, weil ihm neben den Sexreisen auch noch vorgeworfen wird, Schlüsselfigur in einem Korruptionsskandal zu sein, in dem es um Schmiergelder in Millionenhöhe geht. Von Transaktionen in Tschechien, Indien und Angola ist die Rede, sowie von Tarnfirmen, über die er beabsichtigt habe, VW-Geschäfte in die eigene Tasche umzuleiten. Davon wisse sie nichts, sagt Ilona-Luise Reutter, das sei Sache der Staatsanwälte, die dafür die Beweise vorzulegen hätten. Für sie sei nur wichtig, dass er Hilfe habe, als Freund. Ansonsten bleibe ihr Haus ihr Schutzraum.
Sie sagt, das Einzige, was sie wisse, sei, dass ihr Ex pleite sei, und jetzt an seiner Rehabilitierung arbeite. Ein Buch soll daraus werden, eines, das wie ein „Damoklesschwert“ über Bernd Pischetsrieder und Ferdinand Piëch schwebe. Natürlich hätten sowohl der VW-Chef als auch sein Aufsichtsratsvorsitzender, behauptet sie, von den Lustreisen gewusst. Schuster selbst spricht nicht. Sein Anwalt hat ihm geraten, den Mund zu halten, bis der Prozess eröffnet wird. Das Beispiel des VW-Managers Klaus-Joachim Gebauer ist ihm Warnung genug. Seitdem er gegenüber dem „Stern“ ausgepackt hat, findet er keine Ruhe mehr.
Warum aber spricht sie? Sie könnte jetzt behaupten, um Menschen wie Hartz, die Wasser predigen und Wein trinken, die Maske vom Gesicht zu reißen. Sie könnte die Volkswagen AG anklagen, die ihren Mann in ihre Machowelt gepresst hat, wo er doch die Frauenförderprogramme mitentwickelt hat. Aber sie spricht nur von einer „Tragikomödie“. Sie tut es, sagt sie, weil sie ihren Exmann schützen will. Vor sich selbst und vor denen, die ihn und damit ihre Familie verfolgen. Vieles mischt sich dabei wohl auch zu Zwangsvorstellungen, die der besonderen Situation geschuldet sind. Es knackt und rauscht in ihrem Telefon, sie berichtet von zerstochenen Reifen und eingeschlagenen Scheiben an ihrem Auto, von Privatdetektiven, die ihrem Mann auf den Fersen sind. Als Personalvorstand habe er Tausende von Beschäftigten bei Skoda entlassen müssen und sich viele Feinde geschaffen, fürchtet sie.
In dieser Schlammschlacht scheint inzwischen nichts mehr unmöglich zu sein. Vor wenigen Tagen habe sich Gebauer bei ihr gemeldet und sie vor einer neuen Attacke gewarnt. Es geht um 30000 Euro, die er, laut einer Aktennotiz des Landeskriminalamts Niedersachsen, am 10.Oktober 2003 auf ihr Konto überwiesen haben soll – als Liebeslohn, wie in Wolfsburg kolportiert werde. Frau Reutter ist über die Nachricht nicht schockiert, weil sie nichts mehr überrascht. Sie versichert, nichts erhalten zu haben, und sagt, es fehle nur noch, „dass sie behaupten, ich sei dafür mit Hartz ins Bett gestiegen“.
Sie hat sich einen Panzer zugelegt, den jemand braucht, der sich ins Feuer begibt. Und sie hat eine neue Verbündete: Alice Schwarzer. „Solche Frauen braucht das Land“, hat ihr die „Emma“-Herausgeberin anvertraut, und seitdem fühlt sie sich geschützt. Sie sei jetzt ein „Teil der Frauenbewegung“, glaubt die Boutiquenbesitzerin in Rosengarten und strahlt.
-- DetlevLengsfeld 2006-12-25 17:51:26
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PresseArchiv/Tagesspiegel/051118 (last modified 2008-11-04 06:59:55)